Das Geheimnis des Wunderkinds

Wann?
Am 02.11.2013 um 20:00 Uhr

WO?
Schloss Agathenburg

Vortragskonzert mit Prof. Dr. Helmut Reuter und Ana-Marija Markovina

Wunderkinder haben die Gesellschaft in vielen Epochen der Neuzeit sehr fasziniert (wegen der fehlenden Quellen wissen wir vom Umgang mit Wunderkindern im Mittelalter und in der Renaissance wenig wegen). Das Phänomen Wunderkind spielt sich in verschiedenen Domänen ab, besonders beeindruckend sind die Beispiele der Musik, der Mathematik und der Artistik. Es gibt aber durchaus Sparten, in denen Wunderkinder eine geringe Rolle spielen, wie in der Malerei, oder auch gar keine: da wären die Philosophie, die Literatur und die Psychologie.

Die Psychologie und insbesondere die Neuropsychologie wissen aber mittlerweile sehr viel über das Zustandekommen von singulären und exorbitanten Fähigkeiten. Das, was die Umwelt bei den musikalischen Genies in Erstaunen setzt (bzw. setzte), nämlich einfach das immer schon gekonnt zu haben, was sehr Begabte durch jahrzehntelanges Üben erst erlernen müssen, kann in Ansätzen erklärt werden.

Mozart war im frühen Kindesalter ein konzertreifer Virtuose auf den Tasteninstrumenten und beherrschte etliche weitere Instrumente. Sein musikalisches Vorstellungsvermögen verfügte mit höchster Detailpräzision über eine Zeichenmenge, wie sie ein Klavierkonzert, eine Sonate oder eine Sinfonie ausmacht. Dazu gehört eine Verinnerlichung der instrumentalen Möglichkeiten (Klavier), wie sie uns für die Sprache und für die Stimme geläufig ist. Dasselbe gilt für die Verfügbarkeit der Notenzeichen, denen alles Fremde fehlt. Die Begabungsforschung unterscheidet hier zwischen der klanglichen Präsenz im Vorstellungsvermögen, die dem tatsächlichen Hören entspricht, und einer Vergegenwärtigung der Klangpräsenz am Klavier, wie es für die meisten Komponisten gilt.

Zur Erklärung der höchsten Begabungsstufen sind die neuropsychologischen Forschungen zum Begriff der Inselbegabungen nützlich („Savants“). Es gibt junge Menschen, die sozusagen plötzlich über die Fähigkeit virtuosen Klavierspiels verfügen. In kürzester Zeit (gemeint sind Wochen und Monate) beherrschen sie komplexe Klavierstücke vollständig. Die Forschung (Snyder in Sydney, Fehr in Bremen) diskutiert den Fortfall von neuronalen Hemmungsstrukturen im Gehirn, die ein ungehindertes Zusammenwirken von Neuronenstrukturen ermöglichen, wie es für unseren Alltag nicht vorkommt. Der Preis hierfür scheint in der mangelnden Beherrschung von Alltagsroutinen zu liegen und in der Veränderung der Persönlichkeit in Richtung autistischer Merkmale. Es ist ausgesprochen spannend, Biographieforschung der musikalischen und mathematischen Höchstbegabungen unter diesen Hypothesen durchzuführen.

In unserem Vortrag im Schloss Agathenburg steht das Genie Mozarts in den konventionellen und revolutionären Strukturen seiner Kompositionen und in den besonderen Interaktionsformen mit seiner Umwelt (familiäre Kommunikation und Marketingstrategien) im Vordergrund.

 

Klavierwerke:

Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791):                        Adagio h-Moll KV 540

Fantasien d-Moll und c-Moll (c-Moll nicht; stattdessen Kinderstücke)

Sonate c-Moll KV 457 (stattdessen KV 332 F-Dur)